Kleines Ding

Titou, Carmen Schubert

 

#1

MÄRCHEN

 

Unter unserer Wohnung in der Brühlerstraße 51 ist eine Videothek. Ich glaube, wir gehen da ein paar Mal im Monat hin, aber ich habe noch kein wirkliches Zeitgefühl. Irgendwie leihen wir uns immer die selben Filme aus, je nach Jahreszeit. Videokassette in den alten Röhrenferseher, der an der Haut prickelt, wenn man mit dem Finger drüber fährt, und dann auf einem langsam heller werdenden Bildschirm Maulwurf im Traum, Lottas Schokoladenweihnachtsmänner zu Ostern oder Lars der kleine Eisbär schauen. Am Wochenende dann das KIKA Sonntagsmärchen, entweder live oder auch nachträglich aus der Videothek unter unserer Wohnung im gelben Haus. Die Sonntagsmärchen aus den 50er Jahren, mit bunten und schimmernden Kostümfarben, die sich in mein Kindergehirn eingebrannt haben, und die mich manchmal, wenn ich heute über einen Berliner Flohmarkt laufe und mein Blick an einer kitschig funkelnden Brosche hängenbleibt, wieder einholen und irgendetwas altes spüren lassen. Nach einigen Stunden Recherche habe ich die alten, knisternden Filme online wiedergefunden und bin fasziniert davon, wie ich mich an jedes einzelne Bild erinnere, an die Möbelstücke, Stimmen, Kleider und goldenen Flechtfrisuren. Auch nach Jahren Vergessenheit bemerke ich die Parallelen, gewisse Motive, Farben, Formen, die hier und da in meinem Erwachsenenleben auftauchen, auf Bettwäsche, Küchentüchern, Gemälden. Dinge, die mich magisch angezogen haben und die ihren Ursprung anscheinend auf einem roten Sofa in der Brühlerstraße 51 haben.